Man fragt sich, warum Pseudowissenschaft und Angstmache so nachhaltig betrieben werden. Medien treiben beinahe täglich eine neue „Bedrohung“ durch die Panik-Maschinerie, „Wunderdroge Vitamin D“

Die Initiative “kluge Wahl” (Choosing Wisely Initiative) richtet sich an den mündigen Patienten, um Gesundheitsentscheidungen zu treffen und sich vor Überbehandlung zu schützen. Dazu gibt es einen gut verständlichen Artikel für Patienten > Link

Als Laie weiß man dann nicht, was man glauben soll. Vitamin D als angeblicher Schutz vor Krebs, Hilfe bei Unfruchtbarkeit, gut gegen Depression, aber wo sind die Beweise?

Das ist die beste Frage, wenn man Ihnen anbietet, Vitamin D im Blut zu messen, auf eigene Kosten.

Und hier die Antwort: die Beweise fehlen, also brauche ich den Test nicht.

Das verlässlichste Wissen ist in 3 systematischen Übersichtsarbeiten (die Arbeiten mit der bewiesen besten Aussagekraft, die alle weltweit verfügbaren Daten analysiert haben) zusammengefasst und gilt als Empfehlung der höchsten Gremien (IOM und USPSTF aus 2013, siehe Literatur):

  • Für Vitamin D plus/minus Calcium ist bislang nur für den Knochen ein Vorteil bewiesen.
  • Alle sonstigen Verbindungen mit Gesundheit oder Krankheiten sind nicht bewiesen und spekulativ.
  • Die Untergrenze des Vitamin D im Blut liegt bei 20 ng/ml, nicht bei 30, wie oft von der Industrie und von Laboren angegeben. Der Blutspiegel sollte nicht über 50 ng/ml angehoben werden, wegen unklarer Risiken.
    Klar definierte Zielbereiche werden verdreht, um mehr „Pseudokranke“ zu generieren:
    RDA (Recommended Dietary Allowance) ist eben keineswegs ein “cut point” und bedeutet nicht, dass Jeder einen Spiegel über 20 braucht für das Knochenheil. RDA misst den Bedarf am oberen Ende. Per definitionem hat die Hälfte der Bevölkerung 16 ng/ml oder weniger (the EAR = Estimated Average Requirement (EAR)
  • Ob Vitamin D plus/minus Calcium bei jüngeren Männern und Frauen vor den Wechseljahren einen Nutzen hat, ist völlig unklar, auch nicht für das Vorbeugen (Primärpraevention) von Knochenbrüchen (Frakturen). Dies ist ein sogenanntes Klasse I Statement und bedeutet, man soll weder Vitamin D noch Calcium zusätzlich als Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.
  • Do not supplement, gilt auch für die Postmenopause („Wechseljahre“): Man sollte weitgehend auf Nahrungsergänzung in Form von Tabletten verzichten (Nachteile sind mehr Nierensteine und gering mehr Herzprobleme) und den Bedarf an Vitamin D und Calcium über die Nahrung aufnehmen. Mehr als 400 IU Vitamin D3 und mehr als 1000 mg Calcium werden auch Frauen mit Osteoporose nicht mehr empfohlen.

Niedrigere Dosierungen helfen für das Knochenheil nicht.

  • Vitamin D and Calcium Supplementation to Prevent Fractures in Adults: U.S. Preventive Services Task Force Recommendation Statement Ann Intern Med. Published online February 26, 2013. > Link
  • Moyer VA; on behalf of the U.S. Preventive Services Task Force* Vitamin D and Calcium Supplementation to Prevent Fractures in Adults: U.S. Preventive Services Task Force Recommendation Statement Ann Intern Med. Published online February 26, 2013. > Link
  • Nestle M, Nesheim MC To Supplement or Not to Supplement: The U.S. Preventive Services Task Force Recommendations on Calcium and Vitamin D Ann Intern Med. Published online February 26, 2013. > Link

Und ganz aktuell kommt hinzu: Man hat sicher keinen Gesundheitsvorteil, wenn man Vitamin D als Nahrungsergänzung zuführt. Die Empfehlungen an Ältere sind nicht mehr aufrecht zu erhalten, kein Schutz vor „Osteoporose“. Als unerwünschte Nebenwirkung kann der Calciumspiegel im Blut ansteigen und zu ernsthaften Gesundheitsnachteilen führen (siehe Hansen).

  • Bolland M et al. The effect of vitamin D supplementation on skeletal, vascular, or cancer outcomes: a trial sequential meta-analysis. The Lancet Diabetes & Endocrinology, Early Online Publication, 24 January 2014 doi:10.1016/S2213-8587(13)70212-2 > Link
  • Read IR et al. Effects of vitamin D supplements on bone mineral density: a systematic review and meta-analysis. The Lancet, 383, 146 – 155, 11 January 2014 > Link
  • Bjelakovic G et al. Vitamin D supplementation for prevention of mortality in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2014 Jan 10;1:CD007470. [Epub ahead of print] > Link
  • Theodoratou E et al. itamin D and multiple health outcomes: umbrella review of systematic reviews and meta-analyses of observational studies and randomised trials. BMJ 2014;348:g2035 > Link
  • Erin S. LeBlanc et al. Screening for Vitamin D Deficiency: A Systematic Review for the U.S. Preventive Services Task Force. Ann Intern Med. 2015;162(2):109-122.> Link
  • Hansen KE, Johnson RE, Chambers KR, et al. Treatment of vitamin D insufficiency in postmenopausal women: A randomized clinical trial. JAMA Intern Med. 2015;175(10):1612-1621. > Link
  • Bischoff-Ferrari HA, Dawson-Hughes B, Orav EJ, et al. Monthly High-Dose Vitamin D Treatment for the Prevention of Functional Decline: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2016 Jan 4:1-10. > Link

Warum wird weiter die Calcium- und Vitamin D – Empfehlung ausgesprochen, obwohl man weiß, dass keine Vorteile aber Nachteile zu erwarten sind?
Ärzte sind dafür wohl kaum verantwortlich, der Einfluss der Industrie und der Labore ist erheblich.

  • Andrew Grey, Mark Bolland. Web of industry, advocacy, and academia in the management of osteoporosis. BMJ 2015;351:h3170  > Link
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