Hoher Blutdruck – Hypertonus

Die Vermeidung und frühe Behandlung gehört zu den kosteneffektivsten Maßnahmen im gesamten Gesundheitssystem. Hoher Blutdruck ist zwar keine selbstständige Erkrankung, führt aber zur Entstehung von wichtigen Erkrankungen: Hoher Blutdruck ist für mehr als die Hälfte der Herzerkrankungen verantwortlich.

Hoher Blutdruck hat eine enorme Bedeutung: Weltweit sind fast 1 Millarde Frauen wie Männer betroffen (Stand 2000) Bis 2025 steigt die Zahl um 60%.

Was soll man bedenken?

Bei den Menschen über 50 ist der systolische Blutdruck (der obere Wert) über 140 mmm Hg sehr viel gefährlicher für Herzerkrankungen als der diastolische (der untere Wert).

Der/die 55-Jährige hat ein lebenslanges Risiko von 90%, einen Bluthochdruck zu bekommen. Das erhöhte Risiko beginnt bereits bei 115/75 mm Hg und verdoppelt sich alle 20/10 Erhöhungsschritte.

Bei der Blutdrucksenklung unter 140 überwiegen die Nachteile.

Senkt man den Blutdruck bei Herzkranken unter 120, so ist das Risiko für Herzinfarkt (nicht für Schlaganfall) deutlich höher.

Mitte 2013 wurde nun die europäische Leitlinie an diese neueren Erkenntnisse angepasst. Man nimmt den Zielwert 140 mm Hg isoliert (ohne den „unteren“, diastolischen Wert) und empfiehlt nicht generell die medikamentöse Behandlung bei leicht erhöhten Werten.

Viel Überbehandlung mit Medikamenten, statt mit Sport: Die Hälfte der Patienten mit milder Hypertension von 140- 160 mm Hg wird mit Medikamenten bahandelt, obwohl kein Gesundheitsvorteil belegt ist.

22% der Menschen weltweit haben einen milden Hochdruck (Stephen 2014).

Das Blutdruckziel bei über 60 Jährigen ist weniger als 150/90 mm Hg (Weiss 2017).

Ganz wichtig: Der hohe Blutdruck scheint bei Frühbehandlung effizient gemieden werden zu können. Der Effekt der Behandlung mit Medikamenten bei Werten zwischen 140 und 150 ist nicht sehr hoch (Diao 2012), Sport und Diät wären eine sehr gute Option (wenn man es durchhält).

Wie kann man wirksam mehr Leute mit Hochdruck erkennen?

Intensivprogramme zur Auffindung von Menschen mit hohem Blutdruck (Hypertoniker) senken die Sterblichkeit an Herz Kreislauferkrankungen. Programme in Kaufhäusern, Apotheken etc. führen nicht zu einer vermehrten Identifizierung Betroffener.

Die Diagnostik soll sich nicht auf das Messen des Blutdrucks beschränken, sondern alle Risiken für Herz Kreislauferkrankungen berücksichtigen (siehe Herz-Kreislauf-Erkrankungen, „Risikorechner“).

Wann und wie soll man behandeln?

Spätestens dann, wenn Hochdruck festgestellt wird, gehört dieser behandelt. Das senkt die Risiken für Herzinfarkt und andere lebensbedrohliche Erkrankungen.
Die Wahl der Medikamente ist weniger entscheidend; je besser der Blutdruck eingestellt ist, desto geringer ist das Risiko für Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Die Leitlinien mussten aufgrund der Ergebnisse aus dem Jahre 2005 geändert werden.  Beta-Blocker sind nicht mehr der Goldstandard. Kein ausreichender Einfluss auf Schlaganfall und auch kein signifikanter Effekt auf Herzinfarkt lassen die Stellung als Mittel der Wahl schwinden (Wiysonge); andere Präparate sind in der Regel günstiger. Die negativen Stoffwechseleffekte (erhöhtes Risiko für Diabetes, Gewicht) machen die Anwendung gerade bei Übergewichtigen schwierig.

Andererseits gibt es Patienten, für die der ß Blocker wichtig ist.
Gute Ergebnisse werden von den Australiern (Chor et al) beim Einsatz mit einer 4 – er Kombination in 25% Dosierung (Irbesartan 37,5 mg, Amlodipin 1,25 mg, Hydrochlorothiazid 6,25 mg und Atenolol 12,5 mg) bei der Erstbehandlung des Hochdrucks berichtet.

Die Entscheidung wird schwieriger, professioneller Rat wichtiger.

Am schnellsten hat die englische Gesundheitsbehörde (NICE, Juni 2006) reagiert: die Leitlinie sieht vor:

  • Frühe Behandlung, um den Auswirkungen der Blutdruckerhöhung wirksam vorzubeugen (= Prävention der hypertonen Veränderungen).
  • Calciumantagonisten oder Thiaziddiuretika (entwässernde Medikamente) sind klinisch am wirksamsten und sind damit die Mittel der Wahl (Einstieg).
  • Als Stufe 2 wird empfohlen: Kombination von Calciumantagonisten oder Thiaziddiuretika mit einem ACE Hemmer oder Angiotensinrezeptorblocker, falls der Hemmer nicht toleriert wird.

Alle Leute mit Gefäßerkrankungen haben einen Vorteil von ACE Hemmern, weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und weniger Todesfälle.

Die ASCOT Studie mit fast 20.000 Teilnehmern zeigte auch Vorteile von Amlopidin und Perindopril gegen die ältere Kombination von Atenolol und einem entwässernden Medikament (weniger Todesfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle). Patienten mit Veränderungen der Herzkranzgefäße (koronare Herzerkrankung) und normalem Blutdruck profitieren von einer Behandlung mit Amlodipin.

Bei hohem Blutdruck und 3 Risikofaktoren im Risikorechner (siehe „HERZ“) hat die zusätzliche Gabe des „Fettsenkers“ Atorvastatin (zu einem Blutdrucksenker dazu) bereits im 1. Jahr eine bewiesen wirksame Verminderung der Risiken für Schlaganfall und Herzinfarkt zur Folge. Acetylsalicylsäure (ASA, „Aspirin“) kann dies nicht erreichen.

„Fettsenker“ (hier Atorvastatin) senken bei Menschen mit normalen Blutfetten und Hochdruck gegen Nichtbehandeln das Risiko für Ereignisse aus dem Herz Kreislaufbereich (Herzinfarkt, Schlaganfall…) deutlich, auch das für Todesfälle. Die große Studie (n= 10.305) wurde nach 3 Jahren vorzeitig abgebrochen, da die Wirkung so deutlich war.

  • Sever PS et al, ASCOT Investigators. Prevention of coronary and stroke events with atorvastatin in hypertensive patients who have average or lower-than-average cholesterol concentrations, in the Anglo-Scandinavian Cardiac Outcomes Trial–Lipid Lowering Arm (ASCOT-LLA): a multicentre randomised controlled trial. Drugs. 2004;64 Suppl 2:43-60.

Das mit dem Lifestyle ist „so eine Sache“: Beratung zum gesunden Lebensstil (Gewicht, Sport, „Diät“…) erzielt begrenzte Wirkung. Dabei ist Sport eine wirklich wirksame Maßnahme in der Vorbeugung wie auch Behandlung des Hochdrucks.

Aber, die Auswirkungen von einfachen Maßnahmen wie der Salzreduktion sind enorm. Eine im Juli 2004 erschienene Übersichtsarbeit zeigt, dass durch eine mäßige Einschränkung der Salzzufuhr der obere (systolische) Blutdruckwert bei Menschen mit Hochdruck um durchschnittlich 5 mmHg (95%CI:-5,76 bis -4,18) absinkt. Bei Leuten mit normalem Blutdruck bringt die Salzreduktion einen Vorteil von 2 mmHg. Da jeder Mensch mit dem Alter „Blutdruckprobleme“ bekommt, ist diese einfache Maßnahme nicht nur sinnvoll, sondern senkt auch noch das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Solche Vorteile haben Magnesium, Calcium, Kalium oder die Kombination nicht. Ihr Wert ist nicht belegt.

Das Hauptproblem ist, dass nur ein Bruchteil der Menschen das angestrebte Blutdruckziel (das mit dem höchsten Gesundheitsnutzen) erreicht.

Ein wichtiger Grund beim Arzt ist, dass häufig an einem Medikament festgehalten wird (die Scheu, 2 oder mehrere Medikamente parallel zu geben). Das mangelnde Durchhalten (Compliance) ist ein Hauptproblem beim Patienten. Unbewiesene Vorstellungen beim Patienten und Bauchgefühl lassen selbst gebildete Menschen von den Medikamenten abrücken (obwohl der Überlebensvorteil schon lange eindrucksvoll belegt ist). Worte wie „ich bin kein Pillentyp“, „das nehme ich selbst in die Hand“ oder „jetzt müsste der Blutdruck geheilt sein“, ersetzen abgesichertes Wissen…

Was ist von Blutdruckmessgeräten für den Hausgebrauch zu halten?

Sie sind zu empfehlen; denn sie unterstützen sehr gut die in der Arztpraxis vorgenommenen Messungen. Patienten, die Heim- und Arztkontrolle machen, haben eine bessere Blutdruckeinstellung.

  • Hodgkinson J et al. Relative effectiveness of clinic and home blood pressure monitoring compared with ambulatory blood pressure monitoring in diagnosis of hypertension: systematic review BMJ 2011;342:doi:10.1136/bmj.d3621

Wie weit ist die genetische Forschung?

Aus Zwillingsstudien weiß man, dass etwa ein Drittel der Faktoren für Hochdruck vererbt ist. Bei mehr als 2000 Betroffenen ist die Gensubstanz untersucht worden. Auf Chromosom 6 wurde ein Hauptbereich für hohen Blutdruck gefunden, daneben auch Stellen auf anderen Chromosomen (2, 5, 9). Solche genetischen Untersuchungen sind in ihrer Wertigkeit eingeschränkt, da zusätzliche Faktoren (Lebensstil, Stress…) mitbeeinflussen, wie gefährlich der Hochdruck wird.

Bei uns:

Teste führen zu mehr Klarheit. Herzkreislauftest, aber auch Test der körperlichen Leistungsfähigkeit, Gedächtnisleistung, Stresstest, und andere können erforderlich werden; das ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Die Ergebnisse werden zu einer umfassenden Beurteilung zusammengefasst. Die für die spezielle Person wichtigen Laborwerte werden automatisch mit heran gezogen. Der Gesamtbefund entsteht.

Bestimmte Blutwerte (CRP und BNP) sind geeignet, die Echokardiographie zu ersetzen: Sie schließen mit 99% Sicherheit die linksventrikuläre Hypertrophie aus.

Die Wahl des geigneten Präparats und des „richtigen Sports“ erfordern sehr hohe Kenntnisse. Staessen (siehe unten): „Die entwässernden Medikamente und die ß Blocker, die lange als Einstiegsmedikamente empfohlen wurden, haben zwar nur gering ausgeprägte aber schwerwiegende Nachteile gegenüber den neueren Calciumantagonisten. Für den Stoffwechsel sind sie besonders bei Übergewicht ungünstig (40% höheres Diabetesrisiko).

Wenn Sie mehr wissen wollen, so können Sie weiterlesen unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen.


Copyright Rainer Wiedemann für das C.L.I.

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Letzte Aktualisierung: 17. April 2017