Diabetes und die Vorstufen

Vermeidung der Zuckerkrankheit, Diabetes Typ II („Wohlstandsdiabetes“)

Diabetes Typ II ist eine vermeidbare „Volkskrankheit“. Wer ist gefährdet? Die Hochrisikogruppe ist für Frauen absolut zuverlässig beschrieben (Evidenzklasse I). Fast alle (91%) passen in das Muster:

  • Übergewicht oder Obesitas (starkes Übergewicht, BMI über 30)
  • niedrige physikalische Aktivität
  • viel zu wenig Bewegung
  • „ungesundes Essen“
  • Rauchen

Bewegungsarme Übergewichtige haben in allen Altersstufen bereits zu 20 % erhöhte Blutzuckerspiegel, nicht nur im Alter. Der erhöhte Blutzuckerspiegel, die gestörte Glucosetoleranz, ist der höchste und gefährlichste Risikofaktor. Das Risiko für eine Zuckererkrankung ist dann 10 % pro Jahr (trotz Beratung zu Diät & Sport).

Ein niedriges Risiko hat der Normalgewichtige (BMI < 25) mit ausgewogener Ernährung (hoher Fasergehalt & Anteil an ungesättigten Fettsäuren, wenig gesättigte Fettsäuren, niedriger glykämischer Index), der täglich mindestens 30 Minuten moderat bis anstrengend körperlich aktiv ist, der nicht raucht und mäßig Alkohol trinkt.

Wie verhindert man den „Wohlstandsdiabetes“?

  • Angeleiteter Sport & Nahrungsumstellung ist die wirksamste Methode.
  • Nur Beratung zu Diät und Sport ist nicht wirksam.
  • Essanfälle werden durch Psychotherapie und durch Medikamente wirkungsvoll behandelt.
  • Die Hälfte der Diabetesfälle lässt sich vermeiden durch eine Begrenzung der Fernsehzeit auf weniger als 10 Stunden pro Woche und durch täglich 30 Minuten schnelles Gehen (brisk walking).

Falls der Zucker im Blut bereits mäßig erhöht ist, aber noch keine Zuckerkrankheit vorliegt, sind bestimmte Medikamente von hohem Nutzen.

Bei uns:

Wir starten bei Übergewichtigen (und bei Frauen mit PCO – Syndrom, siehe eigener Punkt) mit dem Zuckertest und weiteren Blutuntersuchungen. Veränderungen von Insulin (dem Hormon, das den Blutzucker reguliert) sind frühzeitig nachweisbar. Je nach Ergebnis werden weitere Teste angeschlossen; das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Die für die spezielle Person wichtigen Laborwerte werden automatisch mit heran gezogen. Der Gesamtbefund entsteht.

Erfolgreich ist ein überwachtes Programm (siehe Coaching).

Einfache verhaltenstherapeutische Ansätze sind wirksam. Cochrane aktualisiert die Übersicht.

Diabetiker, die intensivste Verhaltensanweisungen für mehr Aktivität erhielten (zusätzlich zur Diät), verloren mehr an Gewicht als die mit nur Diät. Und dies kann sich auf Bevölkerungsebene durchaus zum Benefit entwickeln.

Die Depressionsbehandlung hilft den Diabetes zu vermeiden.

Körnerhaltige Nahrungsmittel helfen den Diabetes zu vermeiden, ein Effekt, der berücksichtigt werden sollte.

Mediterrane Diät ist nach Beobachtungsstudien Diabetes vermeidend.

Der Erfolgreiche isst „low fat“, beachtet den GI (glykämischer Index), betreibt ein angeleitetes Fitnessprogramm von mindestens 35 Minuten pro Tag, hat die kardiovaskuläre Fitness erhöht und hält Kontakt zum Therapeuten.

Eine einzelne medikamentöse Maßnahme zur Verhinderung von Gesundheitsnachteilen (Diabetes) ist nicht ausreichend. Sport bleibt an erster Stelle (Pawdal).

Kaum Wirkung: Die Promotion zu laufen anstatt zu fahren ist effektiv bei motivierten Subpopulationen und führt dort zu einer Verhaltensänderung. Auf Bevölkerungsebene erreicht man einen mäßigen Effekt.

Übergewicht und Inaktivität scheinen unabhängige Risikofaktoren für Diabetes zu sein (Berentzen), was es auch sinnvoll macht ein Problem in den Griff zu bekommen.

Wenn Sie mehr wissen wollen, so können Sie weiterlesen im Unterpunkt Coaching. Wir bieten ein speziell auf die eigenen Bedürfnisse und Veranlagungen ausgerichtetes Komplettprogramm (www.bestbenefit.net).

Sport und Ernährungsumstellung sind hier doppelt so wirksam wie Medikamente.

Am wirksamsten ist vermehrte Bewegung und Ernährungsumstellung (Fettreduktion): „Low fat“ + 5 x 30 Minuten pro Woche aerobes Ausdauertraining mittlerer Intensität, bevorzugt schnelles Gehen mit mindestens 6 Km/h. Damit lassen sich über 50 % der Fälle von Zuckererkrankung vermeiden. Dies gilt für übergewichtige Frauen wie Männer aller Rassen und auch für Menschen über 60.

Metformin, ein Zucker senkendes Medikament, verhindert die Zuckererkrankung zu 30%. Es ist allein nicht so wirksam wie Sport & Ernährung aber wesentlich wirksamer als nur Beratung zu Diät und Sport.

Acarbose, ein Medikament, das die Zuckeraufnahme aus dem Darm vermindert. Durch Acarbose allein werden 25 % der Fälle von Zuckererkrankung vermieden. Behandlung mit Acarbose führt zu einer signifikanten Reduktion an CVD Erkrankungen (u.a. Infarkt). Auch die Fälle von Hypertonie (hoher Blutdruck) werden signifikant gemindert. Wichtige Nebenwirkungen sind nicht beobachtet worden.

Was ist zusätzlich von Vorteil? Das Abnehmmedikament Orlistat, das die Fettaufnahme aus dem Darm vermindert. Es senkt in Kombination mit fettreduzierter Diät und Kalorienabsenkung (800 Kcal. weniger als zur Gewichtserhaltung erforderlich) das Risiko für Diabetes um 50%.

  • Studie mit über 3000 „stark Übergewichtigen“ (BMI über 30 kg/m 2 ) von denen ein Fünftel bereits Probleme mit dem Blutzucker, aber noch keine Zuckererkrankung hatten: L. Sjostrom. „XENDOS (XENical in the prevention of Diabetes in Obese Subjects): A Landmark Study“. The 9 th International Congress on Obesity. SAO PAULO, BRAZIL – Aug. 27, 2002

Die Behandlung von Essanfällen: Psychotherapie in Kombination mit Medikamenten ist in solchen Fällen sehr wirksam (Evidenzklasse I b). Essanfälle (binge eating) bedeuten mindestens 2 mal pro Woche über eine Dauer von 3 Monaten oder mehr die Zufuhr einer großen Menge Nahrung innerhalb kurzer Zeit (Stunden).

Liraglutid  verzögert den Diabetes und führt zur Gewichtsabnahme.

27.03.2015 Die Europäische Kommission hat Saxenda mit dem Wirkstoff Liraglutid zur Gewichtsabnahme zugelassen. Saxenda ist als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Diät und erhöhter körperlicher Aktivität zur Gewichtskontrolle bei erwachsenen Patienten mit einem anfänglichen Body Mass Index (BMI) von ≥ 30 kg / m² (fettleibig) oder ≥ 27 kg / m² mit Begleiterkrankungen zugelassen.
Liraglutid 3 mg/d s.c. wurde im RCT über 56 Wochen an 3731 nicht diabetischen Patienten mit BMI von 30 (ohne Zusatzsymptome) oder 27 untersucht (durchschnittlicher BMI war 38,3±6,4;  61.2% hatten eine Vorstufe zum Diabetes). Der Gewichtsverlust war bei Saxenda 8 kg (plus/minus 7,3), bei Placebo 2,8 (plus/minus 6,5).

Die Vermeidung zusätzlich gesüßter Getränke ist hilfreich bei Kindern  und Erwachsenen.

Was bringt einen weiteren Vorteil?

Die Gabe eines „Fettsenkers“ (Statin, Pravastatin) verringert bei Menschen mit Problemen im Zuckerstoffwechsel (gestörte Glucosetoleranz) das erhöhte Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Auch Blutdrucksenker („ACE Hemmer“) können für bestimmte Leute von Vorteil sein.

Bei Menschen mit erhöhtem Blutdruck: ACE Hemmer (Ramipril, Captopril) oder Angiotensin II Rezeptorantagonisten (ARAs wie Losartan) vermindern in 6 großen Studien im Vergleich zu Thiaziddiuretika, beta Blockern, dem Calciumantagonist Amlodipin oder zu Placebo die Entstehung der Zuckerkrankheit. Der Effekt ist aber gerade für ACE Hemmer begrenzt (DREAM).

Bei Leuten mit (koronarer) Herzerkrankung (und Hochdruck) vermeidet Verapamil gegen ß Blocker die Entstehung des Diabetes.

Wer Hochdruck hat, sollte aufpassen mit so genannten Beta Blockern und auch mit „Wassermedikamenten“ (Thiaziddiuretika). Sie erhöhen allein und in Kombination erheblich das Risiko für Diabetes (Dahlöf).

Seit 2010: Effektive Lebensstiländerung und vielleicht Metformin bleiben im Vordergrund. Postprandiale Glukosesenkung mit Nateglinid hat bei gestörter Glucosetoleranz (RCT mit über 9.000 Teilnehmern über 5 Jahre) keinen Effekt der Diabetesprävention. Valsartan hat keinen Einfluss auf Herzerkrankungen, ist aber Diabetes vermeidend und zwar am schwächsten von allen untersuchten Medikamenten.

  • The NAVIGATOR Study Group. Effect of nateglinide on the incidence of diabetes and cardiovascular events. N Engl J Med 2010. DOI: 10.1056/NEJMoa1001122.
  • The NAVIGATOR Study Group. Effect of valsartan on the incidence of diabetes and cardiovascular events. N Engl J Med 2010. DOI: 10.1056/NEJMoa1001121

Die Leitlinie zum Prädiabetes (gestörte Nüchternglucose und hoher 2 Stundenwert bei Glucosebelastung) ist an der zur Zeit besten Evidenz ausgerichtet:  http://guidance.nice.org.uk/PH35

Die Untersuchung der gesamten Bevölkerung oder von großen Teilen („ein Screeening auf Diabetes“) bringt aber keinen Gesundheitsvorteil (siehe Simmons et al. 2012).

Seit 2016 läuft in England das weltweit erste Vermeidungsprogramm für Jedermann, „Healthier You“:  https://www.england.nhs.uk/ourwork/qual-clin-lead/diabetes-prevention/, https://www.england.nhs.uk/2016/03/nhsdpp/

Sport und Diät verhindern am besten das Auftreten des Diabetes (Sunamo Schellenberg 2013). Wenn bereits Diabetes vorliegt ist der Effekt in der Verhinderung von z.B. Herzinfarkt aber weniger klar.

Was bringt einen weiteren Vorteil?

  • Operationen bei hochgradiger Fettleibigkeit (BMI über 40) senken wie Abnehmmedikamente die Zuckerspiegel im Blut (Evidenzklasse Ib). Damit vermeidet man die Zuckererkrankung am wirksamsten.
  • Operationen führen bei der Hälfte der Zuckerkranken und der Hälfte der Menschen mit gestörter Glucosetoleranz zu einer Normalisierung des Zuckerhaushalts (Evidenzklasse II/III).
  • Die Depressionsbehandlung hilft den Diabetes zu vermeiden.
  • Die aktuelle große Studie (mehr als 3000 Operationen) mit Langzeitergebnissen bis zu 10 Jahren zeigt, dass auch die Zuckererkrankung (Diabetes) nach dem Eingriff wieder weggehen kann. Bei der Beratung stark Übergewichtiger (BMI über 34) sollten dem Arzt die Details der Studie bekannt sein. Der Gewichtsverlust beträgt im Durchschnitt 23% nach 2 und 16% nach 10 Jahren.

Wo liegen die Hauptprobleme?

Im Durchhalten, in der Beständigkeit (Compliance). Beratung und Aufforderung zum Sport etc. sind nicht ausreichend. Zur Verbesserung des Dranbleibens an den empfohlenen Maßnahmen muss eine ganze Palette von Anregungen, Erinnerungen und ständigen Wiederholungen ablaufen. Dazu gehören:

  • Klare Anweisungen: Welche Maßnahmen sind wie, wie häufig und wie lang durchzuführen?
  • Erklärung, warum diese Anweisungen nützlich sind.
  • Erklärung, warum das Dranbleiben so wichtig ist.
  • Terminerinnerung, Anschreiben, Telefonaufforderung.
  • Belohnungsstrategien: Lob, Anerkennung und Belohnung durch Familie, Freunde, Krankenkasse…
  • Messmethoden und Laboruntersuchungen: Daran macht sich für den Patient der „Fortschritt“ fest.

Kosten effektiv sind Lifestyle Programme, für Medikamente ist die Rechnung nicht immer positiv.


Copyright Rainer Wiedemann für das C.L.I.

Weitere Informationen zu unseren Methoden der Literatursuche. Weitere Informationen zur Evidenzbasierten Medizin erhalten Sie in unserem Buch: Wiedemann R et al. Krankmacher Lebensstil. 2005. conkom Verlag, ISBN 3-00-017436-2

Wenn Sie noch mehr wissen wollen, können Sie sich kostenfrei zum Service „Topwissen“ anmelden.

Empfehlen Sie diese Informationen...Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someonePrint this page
Letzte Aktualisierung: 19. November 2017